Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Besuch der Gedenkstätte Auschwitz – Aufarbeitung und Vermittlungsarbeit heute

Gleise an der einstigen Rampe in Auschwitz-Birkenau, im Hintergrund das Eingangstor.
Foto: Frank Wagner

Vom 30. Juli bis 4. August 2015 haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Gedenkstätten in Baden-Württemberg das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und die Stadt Krakau besucht.

Download des Programms (PDF, 160 KB)

Unter der Reiseleitung von Holger-Michael Arndt vom CIVIC-Institut für internationale Bildung konnte ein vielfältiges Programm absolviert werden. Neben Führungen durch das KZ Auschwitz I Stammlager und über das Gelände von Auschwitz II Birkenau fanden ein Stadtrundgang  durch Oswiecim sowie ein Gespräch mit der ehemaligen Leiterin der Gedenkstätte Dr. Krystyna Oleksy statt.


Ehrenamtlicher der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste begleitet die Gruppe durch Oswiecim. (Foto: Frank Wagner)

Reisegruppen aus aller Welt besuchen Tag für Tag das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Die Stadt Oswiecim, die in ihrer Geschichte mehrmals den Namen Auschwitz trug (und dies bereits vor der Zeit des Nationalsozialismus), steht dabei im Schatten des Konzentrationslagers. Nur wenige Besucher der Gedenkstätte nehmen die Stadt überhaupt wahr, die in unmittelbarer Nähe zu den Lagergeländen liegt. Als ein Teil ihres Bildungsprogramms bietet die Internationale Jugendbegegnungsstätte (IJBS) einen Stadtrundgang an. Dazu gehören eine Führung durch das Jüdische Museum und der Besuch der Synagoge in Oswiecim. Die Gruppen werden von Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste aus Deutschland, Österreich und anderen Ländern begleitet. Adrian aus Österreich, der seit elf Monaten für die IJBS tätig ist, führt regelmäßig Gruppen und bringt ihnen die Geschichte der Stadt und der jüdischen Gemeinde näher. Oswiecim solle nicht in Vergessenheit geraten, so Adrian. Das Jüdische Museum und die Synagoge gestatten einem Einblick in den Alltag der ehemaligen jüdischen Gemeinde der Stadt. Die jungen Freiwilligen sind nah dran an Schülerinnen und Schülern – dies ermöglicht in der Vermittlungsarbeit ein Gespräch auf Augenhöhe.


Führung durch die Ausstellung des KZ Auschwitz I Stammlager. (Foto: Frank Wagner)

Die Gedenkstätte Auschwitz dokumentiert auf dem Gelände des Stammlagers die Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers. In den ehemaligen Baracken wurde auf Initiative von Überlebenden eine Ausstellung errichtet, die an die Opfer erinnert und zugleich die systematischen Verbrechen an diesem Ort thematisiert. Da nicht alle Besucher das KZ Auschwitz II Birkenau besichtigen, wurde die Ausstellung so konzipiert, dass sie einen umfassenden thematischen Zugang ermöglicht. Die Ausstellung wurde bereits 1955 eröffnet und zählt zu den ältesten ihrer Art.

Speziell ausgebildete Guides führen die Gruppen über das Gelände. Aufgrund des starken Besucherandrangs hat sich die Gedenkstätte dazu entschieden, bei den Führungen Audiogeräte mit Kopfhörer zu verwenden. Die Besucherinnen und Besucher können somit den Vortrag ihres Guides hören, ohne dabei von anderen Gruppen gestört zu werden. Bei Zwischenfragen bekommen alle sowohl die Fragen als auch die Antworten mit. Insgesamt 200 bis 300 Guides sind derzeit an der Gedenkstätte Auschwitz aktiv. Die anspruchsvollen Aufgaben erfordern eine regelmäßige Fortbildung. Dabei stehen die Geschichtsvermittlung und die pädagogische Arbeit an oberster Stelle. Deutlich wird vor allem die hohe Belastung der Guides, die sich nicht nur ein großes Wissen aneignen müssen, sondern sich täglich auf die unterschiedlichsten Gruppen und auf immer wieder neue Situationen auf diesem belastenden Terrain einstellen müssen. Gerade hier werden die Guides intensiv von der Gedenkstätte unterstützt.

Der Besuch im KZ Auschwitz II Birkenau zeigt das Ausmaß der systematisch betriebenen Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Anders als im Stammlager sind hier nur wenige Informationstafeln zu sehen. Der authentische Ort verleiht den Begriffen Auschwitz und Holocaust ein Gesicht.


Dr. Krystyna Oleksy, ehemalige Leiterin der Gedenkstätte Auschwitz.
(Foto: Frank Wagner)

Bei einem Gespräch mit der ehemaligen Leiterin der Gedenkstätte, Dr. Krystyna Oleksy, konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Exkursionsseminars auch  fachspezifische Fragen zur Gedenkstättenarbeit in Auschwitz stellen. Beim Besuch des Stammlagers und in Birkenau wurde deutlich, dass sehr viele Menschen die Orte besuchen. Selbstverständlich freue man sich über das große Interesse, sagte Dr. Krystyna Oleksy, dennoch sei man sich der damit verbundenen Probleme bewusst. Der Massenandrang und das enge Zeitfenster vieler Gruppen sei eine stetige Herausforderung für die Gedenkstättenarbeit. Aber auch die Zahl derjenigen, die sich wirklich interessierten, habe über die Jahre hinweg zugenommen. Dabei kann die Vor- und Nachbereitung der Besuche nicht allein der Gedenkstätte überlassen bleiben. Aus diesem Grund sind Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus der Bildungsarbeit eine wichtige Zielgruppe. Mit Publikationen, Handreichungen und auch Fortbildungen unterstützt die Gedenkstätte Auschwitz diese Zielgruppe, damit sie eine Vor- und Nachbereitung des Gedenkstättenbesuchs anbieten können. 

Eine weitere Herausforderung stellt auch der Aufbau der Ausstellung an sich dar. So wurde unter den Teilnehmern des Exkursionsseminars kontrovers diskutiert, ob Bilder sowie persönliche Gegenstände der KZ-Häftlinge gezeigt werden können und wenn ja welche. Wie lässt sich in einer Ausstellung solcher Objekte der Würde der Opfer gerecht werden? Die unterschiedlichen Wahrnehmungen und kulturell spezifischen Zugänge machten es nahezu unmöglich, den Erwartungen aller Besucher gerecht zu werden, sagte Dr. Krystyna Oleksy. Die Ausstellung wurde auf Initiative von Überlebenden gestaltet. Ihnen und ihrer Arbeit mit Respekt gegenüber zu treten, sei für die Gedenkstätte Auschwitz eine Selbstverständlichkeit. Dazu gehöre auch, dass alle ausgestellten Bilder und Gegenstände mit dem Ort eng verbunden sind und somit ein Teil der Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers darstellen.


Besuch in Krakau. (Foto: Frank Wagner)

Nach drei sehr intensiven Tagen in Oswiecim begaben sich die Teilnehmer nach Krakau. Die Erkundung der facettenreichen Stadt bot eine gute Möglichkeit, Abstand zu den Eindrücken der vergangenen Tage zu gewinnen.

(Text und Fotos: Frank Wagner)